20.06.2007

Die Chefin füllt den Kühlschrank

Ein Stahlbauer mit Sinn für Kinder: Die Firma Schönberger macht Familienfreundlichkeit zum Geschäftskonzept - und verdient gut damit.


Kinder in der Stahlindustrie - hier nichts Ungewöhnliches

Kinder in der Stahlindustrie - hier nichts Ungewöhnliches

ZEIT .online (www.zeit.de), 20.6.2007
Von Marc-Stefan Andres und Peter Gaide

Stahlbau und Familie - irgendwie passt das nicht zusammen. Jedenfalls auf den ersten Blick. Gerade deswegen sind wir hier, in der 800-Seelen-Gemeinde Wölsendorf, 50 Kilometer nördlich von Regensburg in der Oberpfalz.

In den meisten Straßenatlanten sucht man Wölsendorf vergeblich. An der Autobahnausfahrt weist kein Schild in seine Richtung. Der Ort besteht aus einer winzigen gelben Kirche mit einigen Häusern drum herum. Ein Traktor zuckelt vorüber. Es ist sonnig und die Fahnen auf dem Parkplatz von "Schönberger Metalltechnik und Stahlbau" wehen im auffrischenden Wind. Die 28 Mitarbeiter kleine Firma gilt als eines der familienfreundlichsten Unternehmen Deutschlands. Dabei sind 22 der Angestellten Männer.

Stahlbau, das sind kräftige, hart schuftende Kerle, keine Krabbelgruppen. Familienfreundlichkeit hat nichts damit zu tun. Denkt man. Hat es aber doch, gerade in dieser Branche. Die schuftenden Kerle nämlich sind hoch spezialisierte Arbeitskräfte. Ohne sie wäre im Stahlbau nichts machbar. Solche Leute sind nur schwer zu ersetzen. Fehlten sie, könnte der kleine Handwerksbetrieb kaum überleben. Viele von ihnen sind aber auch Ehemänner und Väter. Die Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben ist für die Firma deshalb das, was man eine zentrale unternehmerische Herausforderung nennt.

Vielleicht ist Schönberger aber auch deswegen so familienfreundlich, weil es von zwei Frauen geleitet wird? "Sicher hat das auch etwas mit uns zu tun", sagt Sabine Schönberger. Aber nicht nur, und das Wort Familienfreundlichkeit mag sie schon gar nicht. "Das klingt nach Sozialromantik und das führt in die Irre", sagt die Firmenchefin.

Schönberger leitet das Unternehmen seit 1990 gemeinsam mit ihrer Schwester Andrea. Ganz überraschend fanden die Schwestern sich damals in dieser Position wieder, nachdem der Vater von einem Tag auf den anderen krank und arbeitsunfähig wurde. Dass es anfangs schwierig war, erzählt sie nur beiläufig. Von solcher Unsicherheit ist heute nichts mehr zu spüren. Sabine Schönberger ist eine gestandene Unternehmerin, zielstrebig und mit Verve vertritt sie ihr Geschäft.

"Wir sind zwar auch nett und freundlich", schmunzelt die 40-Jährige. "Aber im Kern geht es um Familienorientierung zum Vorteil von Mitarbeitern und Unternehmen." Motivation, Loyalität, Bindung an das Unternehmen: All das lässt sich nur zu einem Teil über das Gehalt erzielen, ist die Chefin überzeugt. "Die Bonbons oben drauf, der Einsatz für den Mitarbeiter, gerade auch wenn er ein Problem hat, sind entscheidend." Ohne diese Bonbons wäre Schönberger vielleicht längst ein Opfer des Fachkräftemangels geworden. Benachbarte Unternehmen mit geregelten Arbeitszeiten und angenehmeren Arbeitsbedingungen hätten ihm die Kräfte abspenstig gemacht.

Schönberger hat sich auf die individuelle Anfertigung von Stahl- und Schweißkonstruktionen spezialisiert. Die Firma stellt Unterbauten für Eisenbahnen und Brücken her. Sie beseitigt Sturmschäden an der Verkleidung von Fertigungshallen. Oder sie verstärkt die Fundamente von Gebäuden. Schönberger springt ein, wenn der Zeitplan eng wird, wenn der ursprüngliche Hersteller überlastet ist oder eine andere Firma sich verschätzt hat. "Tempo und Qualität zeichnen uns aus, das ist unsere Marktnische", sagt die Firmenchefin. Das Team muss rund um die Uhr einsatzbereit sein. Die Aufträge kommen aus Deutschland und dem benachbarten europäischen Ausland, fast jeder zweite aus Frankreich. Nacht- und Wochenend-Einsätze sind die Regel. Ein anstrengender Job, auch körperlich.

Aus Sicht eines Unternehmers ist jeder Auftrag eine gute Nachricht, egal, wie überraschend er kommt. Aus Sicht eines Vaters, der sich auf ein langes Wochenende im Kreis seiner Lieben gefreut hat, nicht. Die Schönberger-Schwestern wissen das. Zug um Zug haben sie ihr Unternehmen darauf eingestellt, versuchen sie beständig, die Interessen von Firma und Mitarbeitern in Einklang zu bringen.

Sabine Schönberger legt ein bedrucktes Blatt Papier auf den Tisch. In 23 Stichpunkten skizziert es die Personalpolitik von Schönberger. "Wir wollen möglichst stark auf die Lebensplanung eines Mitarbeiters eingehen", sagt sie. Ein Single wünscht sich beispielsweise oft mehr Montageeinsätze als ein Kollege mit fester Partnerin und Kind. Das lässt sich organisieren. Zudem gibt es Lebensarbeitszeitkonten, auf denen sich Mehrstunden und Urlaub unbegrenzt ansammeln lassen. Sie können für familiäre Belange abgebaut werden. Bei Geburtstagen oder Einschulungen bekommen Eltern bezahlten Zusatzurlaub. Erwartet die Partnerin eines Mitarbeiters Nachwuchs, wird er in den letzten drei Monaten der Schwangerschaft von heimatfernen Montageeinsätzen freigestellt. Fällt der Kindergarten aus oder erkrankt die Tagesmutter, können Eltern die Kleinen unangemeldet mit zur Arbeit bringen. Dafür gibt es eine "Notfallstube", in der die Kinder reihum von Beschäftigten und auch den Firmenchefinnen stundenweise betreut werden.

"Es gab immer konkrete Anlässe, aus denen sich unser jetziges Rundum-Sorglos-Paket entwickelt hat", sagt Schönberger. So wusste sie 1996 selbst nicht, wohin mit ihrer eigenen neugeborenen Tochter. Die Großmutter war berufstätig, die Schwiegereltern wohnten 180 Kilometer entfernt. Also nahm sie das Kind mit ins Büro. Der Grundstein für die "Notfallstube" war gelegt. In dieser Hinsicht spielte es also sehr wohl eine Rolle, dass der Chef eine Frau und Mutter ist. Ein Mann wäre kaum so direkt mit dem Problem konfrontiert worden, die "Notfallstube" hätte es vielleicht nie gegeben.

Ein anderer Fall: Tochter, Schwiegersohn und Enkel eines Mitarbeiters hatten einen schweren Unfall. Das Unternehmen half beim Kontakt zu Ärzten und Krankenhäusern. Oder: Alleinstehende Mitarbeiter sind auf Montage und kommen erst in zwei Wochen zurück. Die Firma übernimmt den Kauf von Konzertkarten, gießt die Blumen, befüllt rechtzeitig zur Rückkehr den Kühlschrank.

"All das sind kleine Mosaiksteinchen, um letztlich eine Symbiose aus Betrieb und Mitarbeitern zu erreichen", sagt Schönberger. Der Erfolg scheint ihr recht zu geben, auch wenn sie über die Umsatz- oder gar Gewinnentwicklung nicht sprechen möchte. Die Fluktuationsrate beträgt null Prozent, die Krankheitsquote 1,8 Prozent. Der Auftragsbestand liegt auf einem guten Niveau. Finanziell ist Schönberger gesund, versichert die Oberpfälzerin. Für sie steht fest: "Familienorientierung zahlt sich